Siegfried – ein Libertin?

PARALLELEN BEI WAGNER UND DEM MARQUIS DE SADE

Wagner schuf mit Siegfried eine Oper über den Neuanfang. Siegfried, der namensgebende Titelheld, ist auf der Suche nach dem Ring, bewacht von Fafner, einem Drachen. Auf seinem Weg ist Siegfried recht rücksichtlos und gewaltvoll: Er demütigt Mime, erschlägt einen Drachen, zerbricht Wotans Speer und nimmt sich Brünnhilde. Sein unbändiges Gebaren erinnert in Grundzügen an die Rücksichtslosigkeit von de Sades libertins, jenen Erfüllungsgehilfen der Sadeschen Antimoral, deren einzige Handlungsweisung die Vermehrung ihrer Lust bei gleichzeitiger Unterwerfung des Schwächeren darstellt. Freilich ist Siegfried nicht in gleichem Maße libertin wie die vier Würdenträger in den 120 Journées de Sodome. Die sexuellen Gewaltfantasien, die in de Sades Werken eine extrem drastische Darstellung finden, sind bei Siegfried natürlich nicht vorhanden. Gleichwohl ist in seinem Verhalten eine Grundtendenz zu solch vernichtenden Gestalten vorhanden, da auch Siegfried ohne Rücksicht auf Verluste seine Handlungen ausübt.

Die erste Szene des ersten Aufzugs in Wagners Siegfried soll im Folgenden auf Parallelen zu Marquis de Sades Thesen untersucht werden. Darüber hinaus soll aufgezeigt werden, welche Ähnlichkeiten de Sade und Wagner im Denken verbindet. Aus dem Walde kommend ist Siegfried in guter Stimmung: Mit einem Bär im Schlepptau will er den besorgten Mime necken. Als lausbubenhafter Spaß kann das sicherlich verstanden werden; allerdings auch als Attacke auf einen Erzieher, also auf eine früher als Autorität wahrgenommene Person, welche Mime für Siegfried darstellt. Somit ist schon der Bärenstreich eine Rebellion, ein Akt der Demütigung des Gegenübers. Gleichzeitig hat es Mime, wie man sagt, faustdick hinter den Ohren, hat er doch Siegfried zum Töten des Drachen Fafner aufgezogen – ist also niemand, wie sich herausstellt, der nur Gutes für seinen Ziehsohn im Schilde führt. Nichtsdestotrotz macht sich Siegfried lustig über seinen Vormund und verkündet vollmundig seine Eigenständigkeit:

„Zu zwei komm ich
dich besser zu zwicken:
Brauner, frag nach dem Schwert!“
(Pahlen, 21)

„Braten briet ich mir selbst: Deinen Sudel sauf allein!“

(ebenda, 27)

„Aus dem Wald fort in die Welt ziehn:
nimmer kehr ich zurück!
Mein Vater bist du nicht;
In der Ferne bin ich heim;
Dein Herd ist nicht mein Haus,
meine Decke nicht dein Dach.“

(ebenda, 47)

Die Dramatik, mit welcher sich Siegfried verabschiedet, wird insbesondere durch die musikalisch pompöse Begleitung des Orchesters deutlich, wenn Mime Siegfried „unter starken Orchesterschlägen“ hinterher ruft. (ebenda, 46) Durch dieses Gesamtbild drückt sich aus, was Dieter Thomä einen „kurzen Prozess“ nennt, der ganz im Gestus Siegfrieds „Anfangs- und Machtfantasie“ erscheint. (Thomä, 48)

 

Die Kombination dieser Anfangsfantasie, die Siegfried ganz im Zeichen des Revolutionärs (Thomä, 47) innewohnt, die Boshaftigkeit, mit der er seine parentale Bezugsperson erst neckt, dann demütigt, zum Arbeiten zwingt, schließlich tötet, also gewissermaßen sich ihrer Herr macht, erinnert an die Philosophie dans le Boudoir von de Sade. Die Erotik (insofern man die Inhalte de Sades Werk darunter zusammenzufassen gewillt ist) freilich fehlt bei Siegfried; das Thema des Neuanfangs und der Revolution sind dennoch Themen, die den Marquis de Sade beschäftigten, gleichwohl sind die moralischen Implikationen, die sich durch die Anfangsfantasie, die eine Zukunft nur in der Unterwerfung des Jetzigen hat (Thomä, 45), ähnlich.

©2020 Philipp Schäfer

Das Vergangene, das auch bei Siegfried eine zu überwindende Hürde darstellt, wird in der Philsophie dans le Boudoir ebenfalls als von der Natur – durch den Menschen als Erfüllungsgehilfen – zu verachtendes dargestellt, das es zu zerstören oder zumindest zu bezwingen gilt. Zum einen soll sich Eugénie von ihrer Mutter und somit von sämtlichen als widernatürlich geltenden Tugenden und Sitten, derer sie Statthalter ist, emanzipieren. Zum anderen schreibt de Sade in seinem Interludium „Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt“:

„Wenn alle Einzelwesen ewig lebten, wäre es dann der Natur nicht unmöglich, neue zu erschaffen? Wenn aber in der Natur ewiges Leben der Individuen unmöglich ist, wird Zerstörung der Individuen zum Naturgesetz. […] Der Tod ist also, nach diesen unwiderlegbaren Prinzipien, nichts als eine Veränderung der Form […].“

(De Sade, 258-259)

Der totale Individualismus, der darin besteht, sich als Mensch von allen Sitten und Tugenden zu emanzipieren, gekoppelt an den ökozentrischen Ansatz, der Mensch unterläge vollends der Natur und damit ihrem Zerstörungswillen, den de Sade in seinem Interludium propagiert, ist gewissermaßen die Eskalation der Naturverbundenheit Siegfrieds und seiner demütigenden Haltung gegenüber Mime. Siegfrieds Charakteristika sind unter anderem seine Stärke, sich über seine Mitmenschen zu erheben, wie es mit Mime im Wald geschieht, und seine offensichtliche Verbundenheit mit der Natur (das Verstehen der Tiere, etc.) – beide Aspekte sind bei de Sade in eine antimoralische Perversion verdreht, in deren Zentrum der starke Mensch und eine auf Zerstörung ausgerichtete Natur in unheilvoller Allianz stehen.

 

In diesem Sinne „belässt [de Sade] es nicht dabei, das Verbot der Verletzung anderer aufzuheben und eine unbeschränkte Handlungslizenz zu erteilen. Er erhebt Aggression und Grausamkeit vielmehr zu einer Norm, die befolgt werden soll.“ (Schröder, 146) Zwar ist Siegfried in der Waldszene noch weit davon entfernt, ein moralischer Nihilist wie de Sade zu werden, der Morden für eine natürliche Notwendigkeit hält (de Sade, 261). Einige Tendenzen sind bei ihm allerdings vorzufinden: Der Zerstörungswille der Natur in de Sades Philosophie ist gewissermaßen eine kontinuierliche Form der Erneuerung durch Unterwerfung, die in Wagners Siegfried so prominent bedacht wird.

Wagner selbst propagiert ein Zurückkehren zur Natur, in dem er schreibt, dass der menschliche Irrtum dort begann, „wo er [der Mensch] die Ursache der Wirkungen der Natur außerhalb des Wesens der Natur selbst setzte, der sinnlichen Erscheinung einen unsinnlichen, nämlich als menschlich willkürlich vorgestellten Grund unterschob“ (Wagner, 125), also die Sinnlichkeit und Willkürlichkeit der Natur wegrationalisierte. Darin liegt die menschliche Hybris; zurück zur Natur kann offenbar den Irrtum beheben. De Sade argumentiert ähnlich: Wenn der starke Mensch von den Fesseln der menschlichen Moral (also des einengenden rationalen Zwangs) befreit ist, kehrt er zum natürlichen Ursprung zurück, der, wie bereits gesagt, die andauernde Erneuerung durch Zerstörung ist. 

 

Eine weitere Parallele im Zusammenhang von de Sades Weltanschauung und Siegfrieds Respektlosigkeit kann beim Zerbrechen von Wotans Speer beobachtet werden. In dieser Geste nämlich offenbart sich ein drastischer Affront gegen eine Gottheit, was ebenfalls als Symbol für die Unterwerfung der Religion gelesen werden kann – immerhin war Wagner selbst skeptisch gegenüber dem Christentum. De Sades Haltung zur Religion, insbesondere zu Christentum und Judentum, ist, euphemistisch ausgedrückt, eine abneigende:

„Prüft jemand diese Religion aufmerksam, so wird er feststellen, dass die Ruchlosigkeiten, von denen sie erfüllt ist, teils von der Roheit und Einfalt der Juden, teils von der Gleichgültigkeit und Verworrenheit der Heiden herrühren; anstatt sich anzueignen, was die Völker der Antike an Gutem haben mochten, scheinen die Christen ihre Religion nur aus einer Mischung aller Laster gebildet zu haben, die sie überall antrafen.“

(de Sade, 201)

In de Sades Religionskritik äußert sich nicht bloß eine Parallele zur Siegfrieds symbolischen Zerbrechen des Speers, sondern darüber hinaus eine Kongruenz der Denkweise de Sades und Wagner. Letzterer sieht die germanische Kultur bedroht vom Judentum und fürchtet das Zugrundegehen derselben durch die Einflüsse der Juden mehr als den Untergang an sich (Adorno,29). Ersterer sieht die abendländische (französische) Kultur geprägt vom Christentum, das nach seiner Auffassung wiederum vom Judentum in negativer Weise geprägt wurde.

©2020 Philipp Schäfer
©2020 Philipp Schäfer

Darüber hinaus schein im obigen Zitat eine nicht näher spezifizierte Bewunderung der Antike durch, welche bei Wagner auch zu finden ist. So schreibt er in Kunst und Revolution:

„Dieses Volk, in jedem Teile, in jeder überreich an Individualität und Eigentümlichkeit, rastlos tätig, […] , unter sich in beständiger Reibung in täglich wechselnden Bedürfnissen, täglich sich neu gestaltenden Kämpfen, heute im Gelingen, morgen im Mißlingen, [sic] heute von äußester Gefahr bedroht, morgen seinen Feind bis zur Vernichtung bedrängend, […] in unaufhaltsamer, freister Entwicklung begriffen […]“

(Wagner, 96-97)

Die Wortwahl Wagners lässt erkennen, dass es sich hier nicht nur um die Bewunderung einer vermeintlich „starken“ Gesellschaft geht, sondern ihm vor allem das gewaltvolle, beständige Erneuern durch den Kampf und die „Reibung“ imponiert. Im Zusammenhang mit Wagners naturaffinen Äußerungen ergibt sich ein Bild ähnlich de Sades – nämlich, dass die Natur, so denn ihre gesamte Kraft nicht vom Christentum oder anderen widernatürlichen Regularien gezähmt wird, eine prinzipiell gewalttätige Kraft ist. Die Rastlosigkeit Siegfrieds, der es nicht lange an Mimes Herd aushält und den es mit unbändiger Kraft in die Wildnis zieht, legt dafür Zeugnis ab.

 

Ein Unterschied muss dennoch betont werden: De Sades Imperativ des Bösen ist bei Wagner nur schwerlich wiederzufinden. Während die Zerstörung bei de Sade gleichsam zum Handlungsgrund stilisiert wird, sieht Wagner im fortwährenden Kampf einen kontinuierliche, prinzipiell konstruktiven Prozess. Insofern unterscheiden sich de Sade und Wagner; während der eine einen vernichtenden Nihilismus propagiert, hegt der andere zumindest Hoffnung für eine Gesellschaft, die durch beständige Erneuerung sich kultiviert.

 

Adorno, T. W. Versuch über Wagner. Berlin: Suhrkamp Verlag, 1952.

Schröder, Winfried. Moralischer Nihilismus. Radikale Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche. Stuttgart: Reclam, 2005.

Sade, Marquis de. Philosophie im Boudoir. 1795. Gifkendorf: Merlin Verlag, 2003.

Thomä, Dieter. „Siegfried. Eine Kritik.“, in: Wagners Siegfried und die (post-)heroische Moderne. Tobias Janz (Hrsg.) Würzburg: Verlag Könighausen & Neumann GmbH, 2011.

Wagner, Richard. „Das Kunstwerk der Zukunft“, in: Martin Gregor-Dellin (Hrsg.) Mein Denken. Eine Auswahl der Schriften. Martin Gregor-Dellin (Hrsg.) München: R. Piper & Co. Verlag, 1982. 124-163.

Wagner, Richard. „Die Kunst und die Revolution“, in: Martin Gregor-Dellin (Hrsg.) Mein Denken. Eine Auswahl der Schriften. Martin Gregor-Dellin (Hrsg.) München: R. Piper & Co. Verlag, 1982. 94-124.